Samstag, 13. Dezember 2014

Spiegelwelten Tod im Ton (Ein Entwurf)






Spiegelwelten
Tod im Ton


Ein Fantasy-Thriller von
Rolf Glöckner

 



Kapitel 1
Tod im Ton

Er war, wie am frühen Morgen schon so oft, unterwegs, um noch einige kleine Besorgungen, die Weihnachtsfeiertage waren gerade vorbei, zu erledigen. Ärgerlich war nur, dass er seine Mütze vergessen hatte, als er aus dem Haus ging. Es war doch kälter, als er gedacht hatte, denn der Wind strich ihm über seinen kahlen Kopf. Gedankenverloren setzte er Fuß vor Fuß, als er plötzlich einen eiskalten Hauch in seinem Nacken und auf seiner Kopfhaut verspürte. Das war nicht der Wind, den er eben gefühlt hatte, das fühlte sich ziemlich unheimlich an. Eine Gänsehaut kroch, ausgehend von seinen Lenden, über seinen Rücken den Nacken hinauf und die Haut auf seinen Armen begann, sich zusammenzuziehen. Vorsichtig wandte er sich um. Die Panik, der ihn befiel, drückte seinen Brustkorb zusammen. Er spürte eine angstvolle Enge und der Atem wollte ihm stillstehen. Ein grau und silbern schillerndes Gesicht mit rot glühenden Augen und wehenden schwarzen Haaren tauchte aus dem kalten, nebelverhangenen Wintermorgen vor ihm auf. Worte, die er nicht verstand, stürzten wie ein Schwall auf ihn ein. Ein tiefschwarzer Ring erschien plötzlich neben dem Gesicht und daraus hervor schoss ein nachtschwarzer, mit blutrot glühenden Symbolen bedeckter messerähnlicher Gegenstand mit einem schrill pfeifenden Geräusch auf ihn zu und traf ihn in die Brust. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, als sich der spitze Keil durch seine dicke Winterjacke in seinen Körper bohrte. Die Beine gaben ihm nach und Wilhelm Marquard stürzte zu Boden.
Ein letztes Mal schnappte er nach Luft. Warmes Blut rann aus seinem Körper und tropfte auf die gefrorene Erde. Dann vernahm er noch ein gellendes Gelächter, bevor er in einer nicht endenden Dunkelheit versank und sein Herz für immer stillstand.
Spaziergang
Die Weihnachtsfeiertage waren gerade vorbei und die alte Frau ging wie jeden Morgen den kleinen Fußweg an der Tonkuhle in Eversten entlang, im Schlepptau ihren alten Schäferhund, der, alt und lahm, sich nur noch mit Hilfe eines kleinen Wagens mit zwei Rädern, auf dem sein Hinterteil ruhte, mühsam vorwärts bewegen konnte. Sie umrundeten die Tonkuhle im langsamen Schritt und sie sah sich immer wieder nach ihrem uralten und schwachen Gefährten um.
Ihr Blick fiel auf den großen Weidenbaum, der halb im Wasser liegend, seinen Stamm in einem Bogen über die Wasseroberfläche reckte. Sie schrie auf und Kälte stieg in ihr auf. Unter dem Bogen des Baumes nahm sie eine Gestalt wahr, die dort im Wasser lag, den Kopf und die Hände, wie in großer Verzweiflung, in die Höhe gereckt. Sie schrie noch immer, laut und gellend.

Ein junger Mann auf dem Rad näherte sich und hielt an. „Was ist los, warum schreien sie so laut?“, wollte er wissen. Die alte Frau, sprechen konnte sie vor Entsetzen nicht, zeigte panisch auf die Wasseroberfläche und schrie wieder. Der junge Mann sah, was sich ihm dort darbot und griff nach seinem Smartphone. Aufgeregt wählte er die Notrufnummer der Polizei und eine müde klingende Stimme meldete sich. „Sagen sie mir ihren Namen, schildern sie bitte das Ereignis und den Ort, an dem es sich zugetragen hat.“ Der Junge stotterte aufgeregt: „In der Tonkuhle in Eversten liegt eine männliche Gestalt im Wasser. Eine alte Frau, die hier mit Ihrem Hund spazieren ging, hat sie entdeckt.“ Der Polizeibeamte fuhr auf und sagte laut: „Bleiben sie dort, fassen sie nichts an, trampeln sie nicht herum, wir schicken sofort einen Wagen zu ihnen hinaus.“
Minuten später war ein Martinshorn zu hören und blaue Blitze zuckten durch die Baumreihen am Rande des kleinen Sees. Auf dem Fußweg, der um die Tonkuhle führt, näherte sich ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Die Beamten stoppten ihren Wagen und sprangen heraus. Sie blickten sich um und dann sahen sie die alte Frau, wandten sich an sie und fragten: „Wo ist denn die Person, die sie gesehen haben?“ Die Frau, Entsetzen prägte noch immer ihre Gesichtszüge, zeigte auf den schon halb zerfallenen Weidenstamm, unter dem die Gestalt im Wasser lag. Inzwischen waren auch Feuerwehr, Rettungswagen und ein Notarzt eingetroffen und die Männer von Feuerwehr und Rettungswagen wollten damit beginnen, den wahrscheinlich toten Mann vorsichtig aus dem Wasser zu ziehen, wurden aber von den Einsatzkräften mit der Aussage „Wir sind noch nicht fertig“, daran gehindert. Ein Bestatter aus der Nachbarschaft war ebenfalls schon informiert und nach kurzer Zeit näherte sich auch das Fahrzeug des angeforderten Beerdigungsinstitutes und hielt an. Die Hecktür wurde geöffnet und ein Zinksarg wurde sichtbar.
Plötzlich sagte einer der Polizeibeamten zu seinem Kollegen: „Hier stimmt etwas nicht, schau dir mal den Brustbereich des Toten an, da steckt irgendetwas!“ Zwischen der zweiten und dritten Rippe des Toten ragte ein schwarzer, messerscharfer Glassplitter, der seltsam bearbeitet aussah, hervor. Auf dem etwas dickeren Teil, der wohl den Griff darstellte, prangten eingeschliffene und blutrot gefärbte Symbole. „Ich rufe die Mordkommission und das Institut für Rechtsmedizin an, ich glaube, die sollten auch dabei sein. Hier ist ganz offensichtlich ein Gewaltverbrechen passiert.“ Er nahm sein mobiles Telefon und stellte eine Verbindung zur Zentrale her, während sein Kollege den Anruf bei der Rechtsmedizin in der Pappelallee übernahm. Er wurde mit dem diensthabenden Arzt verbunden und schilderte in knappen Worten den Vorfall, der sich an der Tonkuhle in Eversten zugetragen hatte, und welcher Verdacht bei ihm und seinem Kollegen aufgekommen war. Sein Gesprächspartner sagte sofort sein Kommen zu. Er erschien, der Weg von der Pappelallee war ja nicht sehr weit, nach etwa zehn Minuten an der Tonkuhle. Nachdem er den Tatort und den im Wasser liegenden Toten in Augenschein genommen hatte, bat er darum, die Leiche an Land zu bringen.
Die Feuerwehrleute machten sich ans Werk und zogen den Toten vorsichtig aus dem Wasser und legten ihn am Rande der Tonkuhle auf das Gras. Der Rechtsmediziner beugte sich vor und betrachtete den gläsernen Dolch genauer und meinte dann: „So etwas habe ich in meiner langen Dienstzeit noch nicht gesehen, da werden wir im Institut um eine Obduktion nicht herumkommen!“ Jetzt sollten wir auf die Ermittler warten, bevor wir den Toten ins Institut bringen lassen.“ Er sprach noch kurz mit den Bestattern, die daraufhin einen Zinksarg entluden.
Bei Hauptkommissar Reinhard Osthoff klingelte das Telefon. Er nahm ab und murmelte in den Hörer: „Bitte jetzt keinen Fall, dessen Klärung länger als eine halbe Stunde dauert, ich habe heute Nachmittag auf der Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter zu erscheinen.“ „Doch“, vernahm er, „es wird wohl länger dauern, an der Tonkuhle in Eversten haben die Kollegen von der Polizei und der Feuerwehr eine Leiche aus dem Wasser gezogen, der Rechtsmediziner ist schon vor Ort, und wir denken, das ist ein Fall für die Mordkommission. Die Person wurde ganz offensichtlich erstochen. Mit einem Glassplitter!“, fügte die Stimme hinzu.
„Gut, wir kommen gleich“, brummte der Hauptkommissar ärgerlich. „Rührt einstweilen nichts an, ich informiere auch die Spurensicherung und sperrt den Platz weiträumig ab, damit nicht Neugierige alles zertrampeln!“ „Haben wir schon gemacht“, bekam er zur Antwort, „das ist hier schon ein ziemlicher Auflauf, der Weg an der Tonkuhle wird ja überwiegend von Radlern benutzt und auch viele Schüler sind hier unterwegs, die werden nun wohl zu spät zur Schule kommen.“ „“OK“, brummte Osthoff, „dann bis gleich.“ Er legte das Telefon auf und rief seine Kollegin, Kommissarin Marie Marvelis, zu sich, berichtete kurz, was eben als Meldung eingegangen war, informierte noch schnell die Spurensicherung und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.




Kapitel 4
Auf der Ebene von Nazca

-             Etwas in der Mitte zwischen Quito und Lima liegt in Peru die Ebene von Nazca mit ihren geheimnisvollen Scharrbildern. Nachdem der peruanische Archäologe Johny Isla meinte, eine Lösung für die Bilder auf der Ebene von Nazca gefunden zu haben, machte sich der deutsche Archäologe Johannes Marquard aus Oldenburg mit einer Gruppe von Wissenschaftlern auf den Weg nach Peru, um die Erkenntnisse des peruanischen Wissenschaftlers, es handele sich bei den Linien um rituelle Wege, die von einer verschwundenen Kultur einst getreten worden waren, zu bestätigen oder aber zu widerlegen. Ganz wie Isla hatte er die unterschiedlichsten Wissensgebiete um sich versammelt, aber bisher stellten sich die Ergebnisse der Untersuchungen als wenig erfreulich dar und manche der Theorien, die bei ihren abendlichen Gesprächen geäußert wurden, klangen oftmals sehr abenteuerlich. In einem Punkt waren sich aber die Wissenschaftler um Johannes Marquard einig: Um rituelle Wege konnte es sich nicht handeln, wenn man zum Beispiel den großen Affen betrachtete. Wohin sollten denn die Menschen gegangen sein? Die Linien endeten doch in einer Spirale! Aber sie waren sich sicher, sie würden etwas finden und wenn es auch noch einige Zeit dauern sollte.       
-            
Sie waren nun schon drei Wochen, das Weihnachtsfest war gerade vorüber, vor Ort und Johannes Marquard stand vor seinem Wohnmobil, welches sowohl Labor als auch Schlafstätte für ihn war. Die Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Ländern, die mit ihm gemeinsam die Geheimnisse der Nazca-Ebene in Peru erforschen sollten, waren schon in ihren Unterkünften verschwunden. Er  dachte nach. Vielleicht sollte er doch den Ballon mit der Wärmebildkamera einholen, denn der Wind frischte auf und es wurde merklich kühler. Der Ballon sollte ihnen aus der Höhe Wärmebilder der Scharrlinien liefern, vielleicht würden daraus neue Ergebnisse für ihre Forschung resultieren, das hatte vor ihnen noch niemand versucht.
-  Er ging zur Winde hinüber, warf den Motor an, schaltete die Winde ein und langsam, ganz langsam, wurde der Ballon zu ihm heruntergezogen. Unten angekommen löste Johannes die Kamera aus der Halterung und wandte sich seinem Schlafplatz zu, als er in seinen Augenwinkeln eine merkwürdige Bewegung sah. Aus dem Sand neben einer der unzähligen gescharrten Linien tauchte ein Ring aus einem grausilbernen Metall auf. Solch ein Gegenstand hätte aber doch ihm oder einem seiner Kollegen auffallen müssen und er war sich sicher: Vorher war dieser Ring noch nicht da gewesen. Langsam, dabei den Kopf schüttelnd, näherte er sich dem metallisch grau aussehenden Ring, bückte sich und zog daran. Feine Linien in quadratischer Form wurden sichtbar. Aufregung überkam ihn. Was hatte er denn jetzt entdeckt? Leise ging er zu seinem Wohnmobil und holte eine Lampe. Nein, dieser Entdeckung wollte er allein nachgehen, die Kollegen konnte er ja am nächsten Morgen in seine Entdeckung einweihen.
- Bei dem merkwürdigen Reif angekommen, bückte er sich und zog kräftig an dem schweren Metallring. Die Platte, in der der Ring eingelassen war, löste sich leicht aus ihrer Verankerung. Er hob sie an, legte sie zur Seite und leuchte mit seiner Lampe in die Öffnung. Aus Stein gehauene Stufen führten in die Tiefe. Er zögerte. Sollte er nicht besser die anderen Wissenschaftler hinzuholen? Er entschied sich aber doch, allein hinabzusteigen. Vorsichtig tastete er sich Stufe um Stufe in die Tiefe. Nach etwa fünfzehn in Stein gehauenen Stufen hatte er den Boden des Schachtes erreicht. Er ließ das Licht seiner Lampe über die Wände wandern und erblickte eine große Anzahl von Symbolen, die die Wände verzierten. Also doch, das Herz schlug ihm schneller, hatten die Schöpfer der Nazca-Linien so etwas wie eine symbolhafte Schrift besessen und er hatte sie entdeckt. Gleich morgen würde er seine Kollegen informieren. Im Licht der Lampe sah er etwas Sonderbares. Er stutzte. Am Ende des Raumes waren auf einer in der Wand eingelassenen Platte vier Linien zu sehen, die diagonal auf eine runde Erhebung zuliefen. Ein Schalter?     Er bewegte sich vorsichtig darauf zu und drückte kräftig auf den im Mittelpunkt der Platte eingelassenen Gegenstand. Lautlos versank der Knopf und in der Wand öffnete sich ein Spalt, der sich mit einem schleifenden Geräusch zu einem Durchgang ausweitete. Aus dem dahinterliegenden Raum drang ein schwach bläulich schimmerndes Licht hervor. Er trat ein. In der Mitte des Raumes stand ein schwarzes Podest, auf dem ein Behältnis aus einem blauschimmernden Material stand. Er trat näher und betrachtete den im Mittelpunkt der Steinplatte stehenden Gegenstand etwas genauer. Dabei sah er, dass der Gegenstand schwarz war und die Oberfläche in einem Dunkel glänzte, welches Johannes in seinem Leben niemals gesehen hatte. Das blaue Licht trat aus einem Kreis hervor, der das geheimnisvolle Ding umgab. Noch während er über den Sinn und Zweck dieser unterirdischen Kammern grübelte, geschah es!
-Plötzlich schoss mit einem auf- und abschwellenden Zischen ein greller Lichtstrahl, ausgehend vom Mittelpunkt des schwarzen Steins, gegen die Decke und breitete sich von dort wasserfallartig aus. Herabfallend badete er Johannes in seinem blaukalten Licht und der Mann verlor schlagartig das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf der Nazca-Ebene im Staub. Ring und Platte waren verschwunden. Er erhob sich, die Gliedmaßen durch die schon niedrige Temperatur schon steif geworden und ging taumelnd auf seinen Wagen zu. Seine Armbanduhr, auf die er jetzt schaute, zeigte vier Uhr. Er war also fast sechs Stunden bewusstlos gewesen. Was war in dieser Zeit, an die er keine Erinnerung hatte, passiert? Er wusste es nicht, aber irgendetwas in ihm hatte sich verändert.

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