Spiegelwelten
Tod im Ton
Tod im Ton
Ein Fantasy-Thriller von
Rolf Glöckner
Kapitel
1
Tod im Ton
Er war, wie am frühen Morgen schon so oft,
unterwegs, um noch einige kleine Besorgungen, die Weihnachtsfeiertage waren
gerade vorbei, zu erledigen. Ärgerlich war nur, dass er seine Mütze vergessen
hatte, als er aus dem Haus ging. Es war doch kälter, als er gedacht hatte, denn
der Wind strich ihm über seinen kahlen Kopf. Gedankenverloren setzte er Fuß vor
Fuß, als er plötzlich einen eiskalten Hauch in seinem Nacken und auf seiner
Kopfhaut verspürte. Das war nicht der Wind, den er eben gefühlt hatte, das
fühlte sich ziemlich unheimlich an. Eine Gänsehaut kroch, ausgehend von seinen
Lenden, über seinen Rücken den Nacken hinauf und die Haut auf seinen Armen
begann, sich zusammenzuziehen. Vorsichtig wandte er sich um. Die Panik, der ihn
befiel, drückte seinen Brustkorb zusammen. Er spürte eine angstvolle Enge und
der Atem wollte ihm stillstehen. Ein grau und silbern schillerndes Gesicht mit
rot glühenden Augen und wehenden schwarzen Haaren tauchte aus dem kalten,
nebelverhangenen Wintermorgen vor ihm auf. Worte, die er nicht verstand,
stürzten wie ein Schwall auf ihn ein. Ein tiefschwarzer Ring erschien plötzlich
neben dem Gesicht und daraus hervor schoss ein nachtschwarzer, mit blutrot
glühenden Symbolen bedeckter messerähnlicher Gegenstand mit einem schrill
pfeifenden Geräusch auf ihn zu und traf ihn in die Brust. Ein stechender
Schmerz durchfuhr ihn, als sich der spitze Keil durch seine dicke Winterjacke
in seinen Körper bohrte. Die Beine gaben ihm nach und Wilhelm Marquard stürzte zu Boden.
Ein letztes Mal schnappte er nach Luft. Warmes Blut
rann aus seinem Körper und tropfte auf die gefrorene Erde. Dann vernahm er noch
ein gellendes Gelächter, bevor er in einer nicht endenden Dunkelheit versank
und sein Herz für immer stillstand.
Spaziergang
Die Weihnachtsfeiertage waren gerade vorbei und die
alte Frau ging wie jeden Morgen den kleinen Fußweg an der Tonkuhle in Eversten entlang, im Schlepptau ihren alten
Schäferhund, der, alt und lahm, sich nur noch mit Hilfe eines kleinen Wagens
mit zwei Rädern, auf dem sein Hinterteil ruhte, mühsam vorwärts bewegen konnte.
Sie umrundeten die Tonkuhle im langsamen Schritt und sie sah sich immer wieder
nach ihrem uralten und schwachen Gefährten um.
Ihr Blick fiel auf den großen Weidenbaum, der halb
im Wasser liegend, seinen Stamm in einem Bogen über die Wasseroberfläche
reckte. Sie schrie auf und Kälte stieg in ihr auf. Unter dem Bogen des Baumes
nahm sie eine Gestalt wahr, die dort im Wasser lag, den Kopf und die Hände, wie
in großer Verzweiflung, in die Höhe gereckt. Sie schrie noch immer, laut und
gellend.
Ein junger Mann auf dem Rad näherte sich und hielt
an. „Was ist los, warum schreien sie so laut?“, wollte er wissen. Die alte
Frau, sprechen konnte sie vor Entsetzen nicht, zeigte panisch auf die
Wasseroberfläche und schrie wieder. Der junge Mann sah, was sich ihm dort
darbot und griff nach seinem Smartphone. Aufgeregt wählte er die Notrufnummer
der Polizei und eine müde klingende Stimme meldete sich. „Sagen sie mir ihren
Namen, schildern sie bitte das Ereignis und den Ort, an dem es sich zugetragen
hat.“ Der Junge stotterte aufgeregt: „In der Tonkuhle in Eversten liegt eine männliche Gestalt im
Wasser. Eine alte Frau, die hier mit Ihrem Hund spazieren ging, hat sie
entdeckt.“ Der Polizeibeamte fuhr auf und sagte laut: „Bleiben sie dort, fassen
sie nichts an, trampeln sie nicht herum, wir schicken sofort einen Wagen zu
ihnen hinaus.“
Minuten später war ein Martinshorn zu hören und blaue Blitze
zuckten durch die Baumreihen am Rande des kleinen Sees. Auf dem Fußweg, der um die
Tonkuhle führt, näherte sich ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Die Beamten
stoppten ihren Wagen und sprangen heraus. Sie blickten sich um und dann sahen
sie die alte Frau, wandten sich an sie und fragten: „Wo ist denn die Person,
die sie gesehen haben?“ Die Frau, Entsetzen prägte noch immer ihre
Gesichtszüge, zeigte auf den schon halb zerfallenen Weidenstamm, unter dem die
Gestalt im Wasser lag. Inzwischen waren auch Feuerwehr, Rettungswagen und ein
Notarzt eingetroffen und die Männer von Feuerwehr und Rettungswagen wollten
damit beginnen, den wahrscheinlich toten Mann vorsichtig aus dem Wasser zu
ziehen, wurden aber von den Einsatzkräften mit der Aussage „Wir sind noch nicht
fertig“, daran gehindert. Ein Bestatter aus der Nachbarschaft war ebenfalls schon
informiert und nach kurzer Zeit näherte sich auch das Fahrzeug des
angeforderten Beerdigungsinstitutes und hielt an. Die Hecktür wurde geöffnet
und ein Zinksarg wurde sichtbar.
Plötzlich sagte einer der Polizeibeamten zu seinem
Kollegen: „Hier stimmt etwas nicht, schau dir mal den Brustbereich des Toten
an, da steckt irgendetwas!“ Zwischen der zweiten und dritten Rippe des Toten
ragte ein schwarzer, messerscharfer Glassplitter, der seltsam bearbeitet
aussah, hervor. Auf dem etwas dickeren Teil, der wohl den Griff darstellte,
prangten eingeschliffene und blutrot gefärbte Symbole. „Ich rufe die
Mordkommission und das Institut für Rechtsmedizin an, ich glaube, die sollten
auch dabei sein. Hier ist ganz offensichtlich ein Gewaltverbrechen passiert.“
Er nahm sein mobiles Telefon und stellte eine Verbindung zur Zentrale her,
während sein Kollege den Anruf bei der Rechtsmedizin in der Pappelallee
übernahm. Er wurde mit dem diensthabenden Arzt verbunden und schilderte in
knappen Worten den Vorfall, der sich an der Tonkuhle in Eversten zugetragen hatte, und welcher Verdacht bei ihm und seinem
Kollegen aufgekommen war. Sein Gesprächspartner sagte sofort sein Kommen zu. Er
erschien, der Weg von der Pappelallee war ja nicht sehr weit, nach etwa zehn
Minuten an der Tonkuhle. Nachdem er den Tatort und den im Wasser liegenden
Toten in Augenschein genommen hatte, bat er darum, die Leiche an Land zu
bringen.
Die Feuerwehrleute machten sich ans Werk und zogen
den Toten vorsichtig aus dem Wasser und legten ihn am Rande der Tonkuhle auf
das Gras. Der Rechtsmediziner beugte sich vor und betrachtete den gläsernen
Dolch genauer und meinte dann: „So etwas habe ich in meiner langen Dienstzeit
noch nicht gesehen, da werden wir im Institut um eine Obduktion nicht
herumkommen!“ Jetzt sollten wir auf die Ermittler warten, bevor wir den Toten
ins Institut bringen lassen.“ Er sprach noch kurz mit den Bestattern, die
daraufhin einen Zinksarg entluden.
Bei Hauptkommissar Reinhard Osthoff klingelte das
Telefon. Er nahm ab und murmelte in den Hörer: „Bitte jetzt keinen Fall, dessen
Klärung länger als eine halbe Stunde dauert, ich habe heute Nachmittag auf der
Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter zu erscheinen.“ „Doch“, vernahm er, „es
wird wohl länger dauern, an der Tonkuhle in Eversten
haben die Kollegen von der Polizei und der Feuerwehr eine Leiche aus dem Wasser
gezogen, der Rechtsmediziner ist schon vor Ort, und wir denken, das ist ein
Fall für die Mordkommission. Die Person wurde ganz offensichtlich erstochen.
Mit einem Glassplitter!“, fügte die Stimme hinzu.
„Gut, wir kommen gleich“, brummte der Hauptkommissar
ärgerlich. „Rührt einstweilen nichts an, ich informiere auch die
Spurensicherung und sperrt den Platz weiträumig ab, damit nicht Neugierige
alles zertrampeln!“ „Haben wir schon gemacht“, bekam er zur Antwort, „das ist
hier schon ein ziemlicher Auflauf, der Weg an der Tonkuhle wird ja überwiegend
von Radlern benutzt und auch viele Schüler sind hier unterwegs, die werden nun
wohl zu spät zur Schule kommen.“ „“OK“, brummte Osthoff, „dann bis gleich.“ Er
legte das Telefon auf und rief seine Kollegin, Kommissarin Marie Marvelis, zu
sich, berichtete kurz, was eben als Meldung eingegangen war, informierte noch
schnell die Spurensicherung und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
Kapitel 4
Auf
der Ebene von Nazca
-
Etwas in der Mitte zwischen Quito und
Lima liegt in Peru die Ebene von Nazca mit ihren geheimnisvollen Scharrbildern.
Nachdem der peruanische Archäologe Johny Isla meinte, eine Lösung für die
Bilder auf der Ebene von Nazca gefunden zu haben, machte sich der deutsche
Archäologe Johannes Marquard aus Oldenburg mit einer Gruppe von
Wissenschaftlern auf den Weg nach Peru, um die Erkenntnisse des peruanischen
Wissenschaftlers, es handele sich bei den Linien um rituelle Wege, die von
einer verschwundenen Kultur einst getreten worden waren, zu bestätigen oder aber
zu widerlegen. Ganz wie Isla hatte er die unterschiedlichsten Wissensgebiete um
sich versammelt, aber bisher stellten sich die Ergebnisse der Untersuchungen
als wenig erfreulich dar und manche der Theorien, die bei ihren abendlichen
Gesprächen geäußert wurden, klangen oftmals sehr abenteuerlich. In einem Punkt
waren sich aber die Wissenschaftler um Johannes Marquard einig: Um rituelle
Wege konnte es sich nicht handeln, wenn man zum Beispiel den großen Affen
betrachtete. Wohin sollten denn die Menschen gegangen sein? Die Linien endeten
doch in einer Spirale! Aber sie waren sich sicher, sie würden etwas finden und
wenn es auch noch einige Zeit dauern sollte.
-
Sie waren nun schon drei Wochen, das
Weihnachtsfest war gerade vorüber, vor Ort und Johannes Marquard stand vor
seinem Wohnmobil, welches sowohl Labor als auch Schlafstätte für ihn war. Die
Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Ländern, die mit ihm gemeinsam die
Geheimnisse der Nazca-Ebene in Peru erforschen sollten, waren schon in ihren Unterkünften
verschwunden. Er dachte nach. Vielleicht
sollte er doch den Ballon mit der Wärmebildkamera einholen, denn der Wind
frischte auf und es wurde merklich kühler. Der Ballon sollte ihnen aus der Höhe
Wärmebilder der Scharrlinien liefern, vielleicht würden daraus neue Ergebnisse
für ihre Forschung resultieren, das hatte vor ihnen noch niemand versucht.
- Er ging zur Winde hinüber, warf den
Motor an, schaltete die Winde ein und langsam, ganz langsam, wurde der Ballon
zu ihm heruntergezogen. Unten angekommen löste Johannes die Kamera aus der
Halterung und wandte sich seinem Schlafplatz zu, als er in seinen Augenwinkeln
eine merkwürdige Bewegung sah. Aus dem Sand neben einer der unzähligen
gescharrten Linien tauchte ein Ring aus einem grausilbernen Metall auf. Solch
ein Gegenstand hätte aber doch ihm oder einem seiner Kollegen auffallen müssen
und er war sich sicher: Vorher war dieser Ring noch nicht da gewesen. Langsam,
dabei den Kopf schüttelnd, näherte er sich dem metallisch grau aussehenden Ring,
bückte sich und zog daran. Feine Linien in quadratischer Form wurden sichtbar.
Aufregung überkam ihn. Was hatte er denn jetzt entdeckt? Leise ging er zu
seinem Wohnmobil und holte eine Lampe. Nein, dieser Entdeckung wollte er allein
nachgehen, die Kollegen konnte er ja am nächsten Morgen in seine Entdeckung
einweihen.
- Bei dem merkwürdigen Reif angekommen,
bückte er sich und zog kräftig an dem schweren Metallring. Die Platte, in der
der Ring eingelassen war, löste sich leicht aus ihrer Verankerung. Er hob sie
an, legte sie zur Seite und leuchte mit seiner Lampe in die Öffnung. Aus Stein
gehauene Stufen führten in die Tiefe. Er zögerte. Sollte er nicht besser die anderen
Wissenschaftler hinzuholen? Er entschied sich aber doch, allein hinabzusteigen.
Vorsichtig tastete er sich Stufe um Stufe in die Tiefe. Nach etwa fünfzehn in
Stein gehauenen Stufen hatte er den Boden des Schachtes erreicht. Er ließ das
Licht seiner Lampe über die Wände wandern und erblickte eine große Anzahl von
Symbolen, die die Wände verzierten. Also doch, das Herz schlug ihm schneller,
hatten die Schöpfer der Nazca-Linien so etwas wie eine symbolhafte Schrift besessen
und er hatte sie entdeckt. Gleich morgen würde er seine Kollegen informieren.
Im Licht der Lampe sah er etwas Sonderbares. Er stutzte. Am Ende des Raumes
waren auf einer in der Wand eingelassenen Platte vier Linien zu sehen, die
diagonal auf eine runde Erhebung zuliefen. Ein Schalter? Er bewegte sich vorsichtig darauf zu und
drückte kräftig auf den im Mittelpunkt der Platte eingelassenen Gegenstand.
Lautlos versank der Knopf und in der Wand öffnete sich ein Spalt, der sich mit
einem schleifenden Geräusch zu einem Durchgang ausweitete. Aus dem
dahinterliegenden Raum drang ein schwach bläulich schimmerndes Licht hervor. Er
trat ein. In der Mitte des Raumes stand ein schwarzes Podest, auf dem ein
Behältnis aus einem blauschimmernden Material stand. Er trat näher und
betrachtete den im Mittelpunkt der Steinplatte stehenden Gegenstand etwas
genauer. Dabei sah er, dass der Gegenstand schwarz war und die Oberfläche in
einem Dunkel glänzte, welches Johannes in seinem Leben niemals gesehen hatte.
Das blaue Licht trat aus einem Kreis hervor, der das geheimnisvolle Ding umgab.
Noch während er über den Sinn und Zweck dieser unterirdischen Kammern grübelte,
geschah es!
-Plötzlich schoss mit einem auf- und
abschwellenden Zischen ein greller Lichtstrahl, ausgehend vom Mittelpunkt des
schwarzen Steins, gegen die Decke und breitete sich von dort wasserfallartig
aus. Herabfallend badete er Johannes in seinem blaukalten Licht und der Mann
verlor schlagartig das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf
der Nazca-Ebene im Staub. Ring und Platte waren verschwunden. Er erhob sich,
die Gliedmaßen durch die schon niedrige Temperatur schon steif geworden und
ging taumelnd auf seinen Wagen zu. Seine Armbanduhr, auf die er jetzt schaute,
zeigte vier Uhr. Er war also fast sechs Stunden bewusstlos gewesen. Was war in
dieser Zeit, an die er keine Erinnerung hatte, passiert? Er wusste es nicht,
aber irgendetwas in ihm hatte sich verändert.

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