Spiegelwelten
Das Hexenschloss
Ein Fantasyroman von
Rolf Glöckner
Kapitel 1
Rückblick
Nachdem die Familie immer wieder vor der Presse, im
Rundfunk und in weltweitem Fernsehen zu berichten hatte, zogen sie sich in ihr
altes herrschaftliches Haus an der Südküste Englands zurück, um Luft zu holen
und ein wenig Abstand vom Trubel zu gewinnen. [1] Zwischen den einzelnen
Auftritten lagen immer wieder Veranstaltungen, an denen sie teilzunehmen
hatten, denn sie waren nun öffentliche Personen. Ihr Privatleben war mehr oder
weniger auf der Strecke geblieben. Fast sieben Monate waren vergangen, seit das
letzte Kristallmonster besiegt und die Erde vor einer großen Gefahr bewahrt
worden war.
Auf der Erde hatte sich in diesen Monaten einiges
Bemerkenswerte ereignet. Verschiedene Staaten hatten erkannt, was gemeinsames
Handeln bewirken konnte und planten langfristig ihren Zusammenschluss. Es war,
als ob der Einsatz der Familie und deren Freunde eine Lawine der Verständigung
ausgelöst hatte. Auch war man bereit, den Weltraumvagabunden eine Heimstatt zu
gewähren. Viele Länder würden sie gern aufnehmen, hoffte man doch, von ihnen zu
lernen. Das ließ Tom, durch das Erlebte inzwischen sehr erwachsen wirkend, die
Bemerkung in die Runde zu geben: „Die Menschen werden sich wohl nie ändern,
erhoffen sie sich doch nur Vorteile durch die Übernahme von technischem Wissen
der Vagabunden.“
Hans, natürlich war Lanudas, der Troll, bei ihm
geblieben, nickte ihm bestätigend zu. „Wir können ja Tahona rufen und mit ihr
darüber reden“, meinte Marc. „Kinder, ihr habt doch von ihr solch ein
Kommunikationsgerät bekommen, ruft sie doch an!“
Carolyn sprang auf und stürmte die Treppe zu ihrem
Zimmer hinauf. Wenig später kam sie mit dem kleinen Kästchen in der Hand wieder
herabgesprungen. „Tom“, rief sie, „Mach Du das!“ Tom nahm ihr das kleine Gerät
wie selbstverständlich aus der Hand und drückte den Rufknopf tief in das
Gehäuse. Ein Summen ertönte und ein kleiner Stab, wohl ähnlich einer Antenne,
schob sich aus dem Kästchen hervor. An der Spitze bildete sich ein blau
strahlender Ring, in dessen Mitte nach nur ganz kurzer Zeit das Gesicht einer
Frau erschien. Tahona!
Deutlich war ihre Stimme zu vernehmen: „Hallo, Tom,
warum rufst Du mich? Kann ich etwas für Dich tun?“ Aufgeregt berichtet Tom
davon, was sich in den vergangenen vier Monaten auf seinem Heimatplaneten
zugetragen hatte und das eine große Anzahl von Staaten übereingekommen war, den
Weltraumvagabunden einen Platz auf der Welt, von der sie einst gekommen waren,
zur Verfügung zu stellen. Tahona war über diese Neuigkeit begeistert und rief
aus: „Das werde ich gleich meinen Raumschiffkommandanten, egal, wo sie sich
gerade befinden. Sicher wird es einige Zeit dauern, bis wir eintreffen werden.
Wir müssen ja zuerst unseren Stützpunkt auflösen und alles Material zur Erde
bringen. Es ist ja nicht besonders weit!“
Marc stutzte. „Nicht so weit? Ja, wo ist denn euer
Stützpunkt?“ Tahona schmunzelte und sagte dann: „Im Asteroidengürtel dieses
Sonnensystems. Wir haben dort einen der vielen Gesteinsbrocken ausgehöhlt und
uns, als wir die Erde verlassen mussten, eine Basis eingerichtet.“
Tom schoss hoch und rief: „Jetzt wird mir so Einiges
klar, ihr ward das mit den UFOS, die immer wieder über der Erde auftauchten und
zu allerlei Spekulationen Anlass gaben.“ Tahona lächelte. „Ja, das waren wir,
schon lange beobachten wir eure Entwicklung.“ Die Geschwister sahen sich
erstaunt an und auch die Erwachsenen schauten verdutzt in die Runde. Tahona,
die immer noch aus dem blau schimmernden Ring hervor sah, wandte sich plötzlich
ab und redete mit jemandem, der hinter ihr stand. Dann blickte sie nach vorn
und ihr Gesicht sah überhaupt nicht mehr fröhlich aus. „Gerade bekomme ich eine
Meldung über ein merkwürdiges Vorkommnis. Irgendetwas passiert da draußen.
Sollte sich ein alter Feind, den wir in unserer fernen Vergangenheit schon
einmal begegnet sind und der am Untergang unseres Inselkontinents beteiligt
war, wieder aufgetaucht sein? In einem System mit einer Sonne ähnlich der
euren, die von sechs Planeten umrundet wird, hat sich eine Welt aus ihrer
Kreisbahn gelöst und fliegt hinaus ins All. Nach Berechnungen wird der Planet,
der sich mit einer abnorm hohen Geschwindigkeit bewegt, in einer ferneren
Zukunft euer Heimatsystem durchkreuzen. Wir sollten schauen, was wir bis dahin
tun können, um dieses zu verhindern, aber das hat ja noch genügend Zeit.“ Aufregung
machte sich breit und Tom rief: „Tahona, wir sollten uns treffen, um weiter
darüber zu sprechen, komm am besten zu uns.“ Tahona lächelte ihn an und sagte
dann: „Ich hatte es sowieso vor, zu kommen. Wollte mich ein wenig umschauen,
wer uns denn aufnehmen möchte und ich habe dazu einen Vorschlag zu machen. Ich
werde also in etwa zwei Tagen bei euch sein.“ Das Gesicht verschwand und der
blaue Ring erlosch.
Carolyn, die regungslos und in Gedanken versunken in
einem der alten Ledersessel saß, sagte ganz plötzlich, wie zu sich selbst: „Ich
denke, vielleicht hat das mit vielleicht einem Traum, der mich seit einigen
Nächten quält, zu tun. Hört alle zu, ich möchte versuchen, euch von diesem
Traum zu erzählen. Ob der aber mit dem, was uns Tahona eben mitteilte, in einem
Zusammenhang steht, das kann ich mir noch nicht vorstellen. Gespannt wandten
ihr ihre Eltern und ihre Freunde ihr Gesicht zu und selbst Lanudas kroch aus
der Jackentasche von Hans und setzte sich auf seine Schulter, um von dort aus
auch ganz bestimmt nichts zu versäumen.
Kapitel 2
Carolyns Traum
Zögernd begann Carolyn, zu sprechen. „Ich träumte,
und dieser Traum verfolgt mich seit einigen Nächten, ich wäre an einem Platz,
den ich nie zuvor sah. Im Hintergrund stand eine Burg oder ein Schloss, umgeben
von einem geheimnisvollen grünlich schimmernden Licht. An den Seiten standen
irgendwelche flachen Gebäude und plötzlich war ich in einem dieser Hallen. Ich
flog durch das Dunkel, ja, ich flog! Überall ratterten Maschinen und spuckten
merkwürdige Teile aus, die von Gestalten, die ich nicht erkennen konnte,
abtransportiert wurden. Diese Gestalten versuchte ich, zu beschreiben, aber das
Einzige, was mir von dem Traum in Erinnerung geblieben ist, waren lange
schwarze Kutten, in die sie sich eingehüllt hatten und die von einer
glitzernden Kette zusammengehalten wurden. Und dass es in dieser Halle fast
dunkel war. Auf dem Kopf trugen sie schwarze spitze Hüte. Es war sehr gruselig
anzuschauen und ich hatte das Gefühl, dass von dieser merkwürdigen Fabrik und
dem Schloss eine große Gefahr ausgehen könnte. Ich hörte auch Stimmen, die
seltsame Sprüche vor sich hinmurmelten und nach einer langen Zeit, die ich frei
schwebend unter dem Hallendach verharrte, wurde ich ins Freie hinausgeworfen,
sah wieder diesen gespenstisch leuchtenden Turm und hörte ein hämisches
Gelächter, welches nicht enden wollte. Was dann geschah, ich kann mich nicht
erinnern, denn ich wurde schlagartig wach und war von kaltem Schweiß bedeckt.
In jeder Nacht, in der mich der Traum heimsuchte, endete er immer genau an
dieser Stelle. Was hat das denn wohl zu bedeuten? Und warum wurde er immer
genau an der gleichen Stelle unterbrochen? Noch nie habe ich so deutlich
geträumt!“
Ihre Mutter erhob sich und nahm ihre Tochter in den
Arm, um sie zu beruhigen. „Wir werden gemeinsam versuchen, herauszubekommen,
was es mit diesem Traum auf sich hat“, sagte sie zu Carolyn und Tom ergänzte:
„Bestimmt hast du am Abend vorher etwas Schweres gegessen, dann träumt man so
etwas!“ „Jeden Abend?“, antwortete Carolyn schnippisch.
Lanudas, der immer noch auf der Schulter
von Hans hockte, rieb sich seine lange spitze Nase und wisperte, fast nicht
hörbar: „Ich werde mal meine Freunde und vielleicht auch unsere Alten nach der
Bedeutung des Traumes fragen, geduldet euch einem Augenblick.“ Er streckte
seinen dünnen Zeigefinger aus, ein Licht entwickelte sich an seinem spitzen
Fingernagel, stieg zur Decke, es gab einen lauten Knall und der Troll war verschwunden,
um gleich darauf mit einem eben so lauten Knall wieder zu erscheinen, aber er
war nicht allein zurückgekommen. In seinem Schlepptau Ladina und Lakuno! Was wollte
er denn mit den beiden Trollen? Konnten die beiden Freunde denn helfen? Hans,
der seinen Troll gut kannte, schmunzelte und er dachte: „Der kleine Zwerg
verbirgt mal wieder etwas vor mir. Aber ich wundere mich doch immer wieder,
über welche Fähigkeiten er verfügt und was er mir im Laufe der Zeit alles
verheimlicht hat!“
Lanudas
erzählt
Der Troll, nun umgeben von seinen beiden Freunden,
setzte sich in Positur, seine Augen blitzten schelmisch und er begann, zu
erzählen. „Ich war etwas zwei Tage in unserer Heimat und habe dort allerlei
erfahren. Es hat in der Vergangenheit schon einmal jemanden gegeben, den solche
Träume gequält hatten und es ist aufgeschrieben worden. Es hat etwas mit einer
Hexenwelt zu tun, die irgendwo dort draußen sein soll. Wie ihr wisst, gibt es
sowohl schwarze, also böse Hexen als auch die weißen Hexen, die ihr Leben dem
Guten und der Hilfe an den Menschen verschrieben haben. Die genaue Position der
Hexenwelt ist uns nicht bekannt aber es ist überliefert, dass diese Hallen, in
denen etwas produziert wird, ein schlimmes Geheimnis bergen. Immer dann, wenn
dort etwas angefertigt wird, können große Gefahren über die Menschheit oder
eine der anderen Welten hereinbrechen. Wir müssen alle Völker warnen. Es braut
sich etwas zusammen, dort draußen“. Er verstummte.
Lakuno, sein Freund und Verwandter
meldete sich nur knapp mit den Worten: „In diesen Kreisen gibt es jemanden,
eigentlich sind es ja zwei Menschen, denen das Hexenwerk nicht fremd ist und
diese beiden müssen sich auf den Weg machen, die Hexenwelt zu finden.“ Ratlos
schauten sich Kinder und Eltern an. Wer war denn damit gemeint? Die Trollin Ladina
löste das Unverständnis auf. „Es gab in eurer Familie eine weiße Hexe, unsere
alten Trolle wissen davon. Sie war in den vergangenen Abenteuern immer wieder
bei euch, um zu helfen. Auch dieses Mal sollte es so sein und die zweite
Person?“ Sie sah Carolyn an und die fühlte, wie sich die Haare auf ihren Armen
aufrichteten und sie spürte eine Gänsehaut am ganzen Körper!
Tom schaute nachdenklich auf und
meinte: „Da kann doch nur Betty gemeint sein, unsere geheimnisvolle Ahne. Wie
sollen wir uns denn mit ihr in Verbindung setzen? Sie lebt doch in einer
anderen Zeit und wie sollen wir uns mit ihr in Verbindung setzen?“
Elisabeth
Oben im Haus klappte eine Tür,
Schritte auf der Treppe wurden hörbar und eine Frau in den besten Jahren trat
in ihr Wohnzimmer. Sie trug einen blauen spitzen Hut und einen langen
dunkelblauen Umhang, der mit goldenen Sternen besetzt war. In der Hand trug sie
eine kleine silberne Schachtel. Alle schauten
verdutzt, nur Marc lächelte verhalten, er ahnte, wer da gekommen war, eine
Ähnlichkeit mit seiner Frau June war
nicht zu verkennen. „Hallo, Elisabeth“, wandte er sich an den Neuankömmling und
die Frau antwortete: „Hallo, June, hallo
Marc. Ich sehe, Hans ist auch da mitsamt seinen Trollen und seit herzlich
gegrüßt, Carolyn und Tom. Carolyn, die das Lächeln ihres Vaters wohl richtig
gedeutet hatte, sprang auf und rief fragend: „Bist du Betty und warum siehst du
jetzt fast wie meine Mutter aus?“ Die Frau wandte sich ihr zu und sah sie lange
an. „Groß bist Du geworden. Hier, nimm!“, und sie reichte Carolyn das silberne
Kästchen. „Öffne es“, sagte sie, „du wirst darin etwas sehr Wichtiges finden,
du wirst es für das, was wir jetzt gemeinsam unternehmen wollen, als dein neues Handwerkszeug dringend gebrauchen.“
Erstaunt drehte Carolyn das
Kästchen in ihren Händen und dann klappte sie den silbernen Deckel auf. Ein
grünlich schillernder Stab, an dem ein fein ziselierter Schlüssel hing, kam zum
Vorschein. „Was ist das?“, wandte sie sich an Betty. „Das ist dein Zauberstab
und der Schlüssel gehört zu einem Schrank in einem uralten Gebäude an einem
fernen Ort. Den werden wir jetzt gemeinsam besuchen und dort wirst Du allerlei
lernen. Hab keine Angst, dir wird keine Zeit verloren gehen. So wie du mit mir
gemeinsam gehen wirst, kehrst du nur Augenblicke später zurück, obwohl in der
Zwischenzeit allerlei geschehen sein wird. Als eine Reisende zwischen den
Welten, ich gab dir die Fähigkeit dazu,[2] müssen wir gemeinsam deine
Ausbildung vollenden. Packe dir ein paar Sachen ein und dann komm, wir sollten
schon bald gehen, die Zeit drängt.“ Betty sah in die Runde, sah June beruhigend an und sagte: „Keine Sorge, wir
sind gleich zurück.“ Carolyn hatte inzwischen hastig ihren Rucksack gepackt und
sah Betty an. „Was nun?“, fragte sie und Betty, die wie eine erwachsene Frau,
etwa so alt wie ihre Mutter, aussah, antwortete: „Erstmals wirst du den Stab
benutzen, er wird uns gemeinsam in eine Schule bringen, eine Schule, in der du
die Geheimnisse der weißen Hexerei lernen wirst und da wir ja unverzüglich
zurückkehren werden, können die anderen ruhig noch etwas sitzen bleiben.“
Tom sprang auf. „Ich möchte auch
mit, vielleicht wird ja aus mir ja einmal ein berühmter Zauberer!“ Er zögerte
einen Augenblick und murmelte dann: „Ach nein, lieber studiere ich dann doch
Astrophysik, ich möchte doch Neues entdecken und die Geheimnisse des Universums
erforschen.“ Betty oder besser Elisabeth schüttelte nur den Kopf und sagte zu
Tom: „Nein, das wird nicht gehen, du und deine Freunde, ihr werdet dann
gebraucht werden, wenn wir zurück sind. So, nun genug, komm, Carolyn, nimm den
Stab zur Hand!“ Carolyn nahm den Stab aus seiner Hülle und sah ihre Ahnin
fragend an. Die sagte nur: „Hebe ihn hoch, schwinge ihn hin und her und dann
sage laut und deutlich das Wort ALUSHI!“
Carolyn folgte ihrer Anweisung,
ein Licht entwickelte sich aus der Spitze des Stabes, an der Zimmerdecke war
plötzlich etwas, das wie ein großer Spiegel aussah, und ein heraus schnellendes
Licht saugte sie auf. Sie waren verschwunden!



