Spiegelwelten Der Kristallkrieg
Kapitel 40
Spinnennetz
Noch wirkten die Ereignisse des Angriffs
auf das rote Monster nach. Alle, die dies miterleben mussten, versanken in
tiefer Trauer. So viele tapfere Frauen und Männer hatten für die Rettung der
Heimatwelt ihr Leben lassen müssen.
Ralph und der Wissenschaftler aus Berlin waren bereits wieder in Florida
eingetroffen, als sich beunruhigende Meldungen aus allen Teilen der Welt
häuften. Überall an den roten Kristallbergen durchstießen, sternförmig
angeordnet, Ausläufer aus dem geheimnisvollen roten Mineral die
Wasseroberflächen und begannen zu wachsen. Solange sie sich im Meer befanden,
ging das Wachstum relativ schnell voran, und erst einmal ging davon keine
besondere Gefahr aus. Dort aber, wo die roten Speere auf Land stießen und eine erste
menschliche Siedlung erreichten, richteten sie heillose Zerstörungen an. Alles,
aber auch alles wie Berge, Wälder, Häuser und Brücken wurde ganz einfach
durchstoßen. Erste Opfer waren zu beklagen. In London wurden der Tower und viele andere Gebäude zerstört
und dann erreichte einer dieser roten Pfeile den Atlantik mit Kurs auf New
York.
Überall auf der Welt heulten die
Alarmsirenen. Vom zentralen Beobachtungszentrum in Florida ausgehend, wurde ein
Verteidigungsversuch koordiniert. Weltweit stiegen mit Raketen munitionierte
Kampfflugzeuge auf und griffen die spinnennetzartigen roten Kristallbahnen an.
Mit allem, was der Erdbevölkerung zur Verfügung stand, wurde gemeinsam gegen
die Bedrohung vorgegangen. Ein weltweiter Krieg war entbrannt und die Zwistigkeiten
zwischen den einzelnen Staaten waren plötzlich gegenstandslos geworden. Die
verschiedensten Länder, unabhängig von ihren politischen Ausrichtungen, arbeiteten
plötzlich Hand in Hand, denn es ging um ihre Welt. Es ging vielleicht
auch um das nackte Überleben. Es musste
unter allen Umständen verhindert werden, dass sich das Spinnennetz schloss.
Die ersten Raketen wurden abgefeuert und automatisch auf ihre Ziele
gelenkt. Explosionen ereigneten sich überall dort, wo sich die roten
Kristallberge befanden und ihre Ausläufer auf den Weg geschickt hatten. Trümmer
aus rotem Material regneten zur Erde oder auch ins Wasser, die Kristallfäden
wurden stellenweise in kleinste Fragmente zerrissen und vergingen, als sie auf
den Boden des Festlandes auftrafen, in ein graues Pulver, einer Vulkanasche
nicht unähnlich. Der Angriff der Kristallmonster geriet ins Stocken. Nach
geraumer Zeit, denn die roten Giganten hatten, wie die verschiedensten
Messungen ergaben, erheblich an Masse verloren. Das Wachstum der Fäden stand
unerwartet still. Die Angriffe jedoch gingen weiter. Aus Florida war angeordnet
worden, so viele rote Bahnen wie möglich zu zerstören, und so lange noch etwas
Munition in den Jägern und Bombern vorhanden war, wurde gefeuert. Plötzlich herrschte Ruhe. Erste
Aufklärungsflugzeuge gingen in die Luft, um den Schaden, der am Gegner
angerichtet worden war, zu katalogisieren und so schnell als möglich nach
Florida zu übermitteln. Dort herrschte Hektik. Um Ralph hatten sich sowohl
Militärs als auch Wissenschaftler versammelt und schrien die absurdesten
Theorien heraus.
Ralph bat um Ruhe, und als das nicht fruchtete, fragte er den General: „Haben
Sie eine Pistole? Dann geben Sie sie mir!“ Er nahm die Pistole in die Hand,
richtete sie gegen die Decke und drückte ab. Totenstille kehrte ein. Nun war
der Astrophysiker in der Lage, etwas zu der jetzigen Situation auszuführen. „Meine
Damen und Herren, ich glaube nicht, dass wir einen Sieg errungen haben, das war
nur das erste Gefecht, das allerdings zu unseren Gunsten ausging. Es bedeutet
aber nur einen Zeitgewinn, denn wenn Sie zurückschauen, wie schnell die
Kristallgebilde gewachsen sind, dann können Sie davon ausgehen, dass wir etwa
eine Woche bis vierzehn Tage Zeit haben werden, bevor, und da bin ich sicher,
der nächste Angriff unseres Gegners erfolgen wird. Der Krieg hat gerade erst
begonnen. Lassen Sie uns überlegen, wie wir der Bedrohung Herr werden können,
denn sollte es zu einem gleichen Angriff kommen, werden wir irgendwann unser
Pulver verschossen haben.“ Er schwieg und ließ seine Worte wirken.
Er wandte sich an den Oberkommandierenden der amerikanischen
Streitkräfte, der inzwischen in Florida eingetroffen war und stellte ihm eine
Frage: „Herr General, könnten wir nicht ihr Raketenabwehrsystem einsetzen, das
Sie allen Widerständen zum Trotz in der Erdumlaufbahn installiert haben und
nicht benutzen, um dieser roten Plage Herr zu werden?“ Der General fuhr auf! „Sie
verletzten soeben ein Staatsgeheimnis, Mister Bell!“ „Jetzt ist es aber keines
mehr“, entgegnete Ralph und einige russische und chinesische Offiziere horchten
auf. Hatten es die Amerikaner unter strikter Geheimhaltung doch geschafft, ein
solches System ins All zu bringen? Der General begann zu stottern, aber Ralph
unterbrach ihn: „Ich muss es ja wissen, habe ich doch an der Entwicklung
mitgearbeitet!“

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